Auf Spurensuche am Aschberg
Eine kleine Geschichte
Mein Beruf ist Geodät. Haben Sie so etwas schon einmal gehört oder gelesen? Landvermesser ist der sicher verständlichere Ausdruck. Ich vermesse nunmehr tatsächlich nur noch Land. Das war nicht immer so. Noch vor einiger Zeit herrschte ein regelrechter Bauboom. Ich habe heute noch den Geruch von frischem Beton in der Nase, der mein Leben jahrelang begleitet hat. Meine Schienbeine sind voller Narben von den vielen Bewehrungseisen, über die man auf jeder Baustelle zwangsläufig stolperte. Um mein linkes Auge ziehen sich grobe Falten. Die stammen vom ständigen Zusammenkneifen, wenn man mit dem rechten Auge durch das Okular des Messinstrumentes schaut.
Probieren Sie das mal. Jetzt gleich!
Ein Auge zukneifen. Meine Physiotherapeutin würde jetzt sagen: „Und halten!“
Sie schaffen das auch. Halten!
In der Zwischenzeit erzähle ich weiter. Jetzt bin ich Landvermesser. Seit drei Jahren schon. Dorfbewohner, darunter Bauern mit riesigen Agrarbetrieben, aber auch kleine Bäuerlein im Nebenerwerb, Gewerbetreibende aller Art, einfache und komplizierte Hausbesitzer, Hausfrauen und Hausmeister sind meine Klientel.
Halten Sie noch?
Ich bin ruhiger geworden. Nicht, dass ich früher hektisch war. Ich hatte immer mal wieder mit italienischen Bauarbeitern zu tun. Die reden oder singen den ganzen Tag. Aber das entscheidende Wort lautete: Domani! Morgen wird es auch noch, heißt das.
Auch ich habe Termine zu halten.
Apropos: Weiter halten!
Und doch bin ich ruhiger geworden. Doch der Druck lässt mich nicht mehr kollabieren. Wissen Sie, was Triangulationen sind oder Höhen über NN? Sie müssen meine Fragen nicht beantworten können. Auch ein spezieller Lehrgang ist nicht notwendig. Nach der Lektüre meiner Zeilen werden Sie einiges von dem ahnen, was Vermesser so den lieben langen Tag treiben.
Und wenn Sie jetzt das Auge wieder locker lassen, wird
Ihnen auch das Lesen nicht schwerfallen.
Meine Leidenschaft ist das Sammeln. Wie heißt man da? Vielleicht Sammler. Mich interessieren Lebens- und Alltagsgeschichten.
Warum? Habe ich nichts Besseres zu tun? Nein, mir kann gar nichts Besseres passieren!
Vermesser sind schon eigenartige Leute.
Und was hat das Ganze mit Wandern zu tun?
Fragen über Fragen.
Ein anderer Ort, drei Jahre, 20 Tage und 15 Stunden vorher: Eine kleine verschlafene Gasse. Wie im Mittelalter.
Pünktlich um 14 Uhr klingele ich an der Haustür. Nach
einer Weile öffnet ein älterer Herr ein Fenster im ersten Geschoss und sieht
mich etwas fragend an.
Ich bin der Vermesser, wir hatten Ihr Grundstück vermessen, versuche ich zu erklären.
„Ach, das habe ich total vergessen“, meint er.
Kaum vermessen, schon vergessen.
Es stellt sich heraus, dass der Herr ganz nett ist. Wie die meisten Anderen fragt auch er mich als Erstes, warum ich denn nun noch einmal komme, sie waren doch mit ihren Kollegen schon einmal da. Also ich noch mal von vorn mein Anliegen heruntergerattert: Alles kontrollieren und so und dann brauche ich natürlich die Unterschrift.
„Und dann kommt die Rechnung“, stellt er mehr fragend fest.
Im Prinzip ja, aber alles viel später, in diesem Jahr nicht mehr, kann ich ihm antworten.
„Keine Angst“, sagt er, „Geld habe ich. Was glauben sie, wie lange ich gearbeitet habe, fünfzig Jahre, Wehrdienst eingerechnet. Haben Sie das mit
dem Günter Grass gelesen und der SS? Es ist genauso gewesen, wie er das
beschreibt. Uns Halbwüchsige haben sie stundenlang eingesperrt, bis sie
ausreichend Unterschriften hatten. Das war 1944, da war ich sechzehn. Mich
Untersetzten hätten die vor dem Krieg nie genommen. Da mussten die SS-Leute dem
arischen Bild entsprechen, groß, blond, blauäugig. Aber kurz vor Kriegsende
nahmen die alles, was zwei Beine hatte und ein Gewehr halten konnte. Ich bin
davongekommen, die haben uns abends wieder raus gelassen, nachdem sie von
einigen die Unterschrift hatten. Zwei aus meiner Schulklasse haben
unterschrieben. Die sind aus dem Krieg nicht wieder gekommen. Ich wollte zwar
den Krieg auch gewinnen, aber nicht bei der SS. Das war schon irgendwie ein
Tabu. Ich war ein guter Skifahrer und wollte zu den Gebirgsjägern. Ich bin doch
Sudetendeutscher und war als Jugendlicher am Aschberg Skispringer.“
Gebirgsjäger, ein eigenartiges Wort, denke ich. Es
klingt nicht nach Krieg, eher nach Natur, Freiheit und eben nach Lützows wilder
verwegener Jagd. Sage ich aber nicht. Stattdessen frage ich vorsichtig zurück:
Am Aschberg, als Sudetendeutscher?
„Ich bin Schwaderbacher, wir haben gleich hinter der
Grenze gewohnt“, sagt er.
Bublava, fällt mir daraufhin ein.
„Ja“, sagt er, „das heißt heute Bublava. Kennen Sie das?“ Und fährt fort: „Können Sie sich das
heute noch vorstellen? Wir waren Deutsche in der Tschechoslowakei, doch das Einzige,
woran man das merkte, war die Währung. Wir hatten Kronen. Die Grenze war offen.
Bis 1918 gehörten wir zu Österreich-Ungarn, dann wurde die Tschechoslowakei
gegründet. Dann die Machtübernahme Hitlers 1938 im sudetendeutschen Gebiet. Ein
Jahr später marschierte er auch in der Rest-Tschechoslowakei ein. Schon als
Kinder fuhren wir Ski und sprangen von selbst gebauten Schanzen. Mein großes
Vorbild Birger Ruud, ein Norweger, sprang auf der nahe gelegenen
Aschbergschanze, die auch mein Domizil werden sollte. Unsere Sportler starteten
immer schon zwar als tschechoslowakische Bürger, aber bei deutschen Sportklubs,
wie dem WSV Klingenthal. Die alte Aschbergschanze lag übrigens am Nordhang und
wurde nach dem Krieg abgerissen. Das Kriegsende habe ich als 17jähriger
Infanterist bei München überlebt. Wir wurden von den Amerikanern interniert und
nach kurzer Zeit wieder freigelassen. Ich hatte nur eins im Kopf, ab nach
Hause! Ich war ein Volltrottel. Kaum war ich über die Grenze, wurde ich wie
andere Heimkehrer auch, zum Strafdienst ins Mährische eingezogen. Zum Glück bin
ich dort nach sechs Wochen wieder freigekommen, weil ich als zu jung eingestuft
wurde. Die anderen blieben noch ewig und manch einer kam gar nicht zurück. Keiner
konnte sich vorstellen, dass es für uns keine Heimat mehr geben würde. Noch
einen Tag vor der Umsiedlung haben unsere Nachbarn die Kartoffeln für den
Winter eingebracht. Und dann war einfach Schluss. Alles, was vorher einen Wert
gehabt hatte, wurde unwichtig. Die Grundstücke und Gebäude, Tiere und
Landtechnik. Alles wurde zurückgelassen. Meine Eltern haben das nie verwunden. Und
dann kamen wir hierher ins Flachland, aufs Dorf. Was soll ich ihnen sagen, wir
waren die ärmsten Schweine, die Habenichtse, im Grunde auf einer Stufe mit
Asozialen oder Kriminellen. Die Bauern haben abends die Vorhänge schön dicht
zugezogen, damit wir nicht sehen, was die alles zu essen hatten. Die konnten
sich ja auch nicht vorstellen, dass wir mal ganz normale Leute waren, so
zerlumpt und abgewrackt, wie wir alle ankamen. Untergebracht wurden wir
zunächst in Scheunen, später irgendwie aufgeteilt. Ich bekam Arbeit in der
Ziegelei und fing an, Fußball zu spielen. Und weil das alles ganz gut klappte,
nahm mich mein Meister, der auch im Fußballverein war, eines Tages zur Seite
und meinte, so geht das nicht weiter. Bei deiner schweren Arbeit brauchst du
ein richtiges Dach über dem Kopf. Und dieses kleine alte Haus, in dem wir jetzt
stehen, war frei. Ich verdiente damals 178 Mark im Monat und konnte dann jahrelang
monatlich 100 Mark abstottern. Ich war sparsam, sehr sparsam. Aber ich hatte
was Eigenes. Aus meinen Kindern ist was geworden. Die haben alle was Eigenes
und ich sage ihnen, was für schöne Häuser! Meine Tochter ist mit dem Direktor
der Kurklinik verheiratet. Einer meiner Enkel verdient sich sein Geld mit
Kanalsanierung in aller Welt. Der schreibt immer aus Amerika und Australien. Wir
waren immer die Flüchtlinge, diesen
Makel bekamen wir nie los. Aber hier mit dem Haus, mit den Kindern oder auch
mit dem Fußball habe ich mich selbst aus dem Sumpf gezogen. Na, die Kinder
wollen davon nichts mehr wissen, aber Sie verstehen mich? Ich habe mit meinem
Nachbarn in einer Mannschaft gemeinsam Fußball gespielt. Wir waren jahrelang ein
Traumduo. Verstehen Sie, wie ich mich gefühlt habe, dass ich als Flüchtling die
Tore geschossen habe? Waren sie schon bei meinem Nachbarn? Der ist der
Schwiegervater von zwei Fußballnationalspielern. Stellen sie sich das mal vor.
Erst hat der Dingens die eine Tochter geheiratet und später seinen Freund mitgebracht,
der dann die andere genommen hat. Mein Nachbar war ein Fußballverrückter. Der
war Sportlehrer, das passte.“
Voller Stolz zeigt mir der alte Herr seine Bücher:
einen Bildband von Schwaderbach mit Adresslisten, in denen auch sein Vater
auftaucht; ein Buch über den Sport in Schwaderbach zwischen 1939 und 1945, in
dem er erwähnt ist und kleine Artikel über den Ort in einem Monatsblättchen.
„Ich war erst wieder dort vor Kurzem“, sagt er. „Ich
könnte ihnen heute noch die Stellen zeigen, wo die Häuser waren. Die Gebäude in
Grenznähe wurden Anfang der fünfziger Jahre abgerissen. Aber die Infrastruktur
war noch da. In den Folgejahren sind dort Bungalows hingebaut worden, da konnte
man die Wasser- und Stromanschlüsse gleich wieder verwenden.“
Haben Sie noch Verwandte in der Region, frage ich.
„Im Vogtland habe ich noch einen entfernten
Verwandten. Aber auch in Schwaderbach hat bis vor kurzem noch eine Verwandte
gewohnt.“
Wie kam das? Warum konnte die bleiben? War die mit
einem Tschechen verheiratet?
„Nein, bleiben durften damals einige unentbehrliche
Leute, also Spezialisten, die in Falkenau in der Industrie arbeiteten. Das gab
es schon. Aber die meisten sind dann irgendwann in den Westen ausgereist und
mussten dafür sogar noch Unsummen auf den Tisch blättern. Wir dagegen kamen
kostenlos weg“, sagt er sarkastisch.
„Sie verstehen mich?“, fragt er mich zum Abschied noch
einmal. So, als wollte er sagen: Wir waren doch eigentlich gut, wir waren keine
Asozialen, wir haben etwas aus der verkorksten Situation gemacht.
Und was hat das Ganze nun mit Wandern zu tun?
Im Jahr 2011 wollte es der Zufall, dass ich als Leipziger mal wieder eine Wanderung im Aschberggebiet machen konnte. Oder war es gar kein Zufall, eher die Vorsehung?
Glauben Sie an so etwas?
Ich glaube, dass wir alles, was wir jemals erfahren haben, immer mit uns herumschleppen. Irgendwo abgespeichert. Und dann sehen wir etwas, hören etwas, sind an einem bestimmten Ort und uns fällt Passendes dazu ein.
So geht mir das auch beim Wandern. Wie von einer magischen Kraft angezogen, laufe ich los und finde Dinge, von denen mir gar nicht bewusst war, dass ich sie finden wollte.
Beispielsweise die alte Aschbergschanze am Nordhang, auf der schon Birger Ruud sprang.
Zu erfahren war, dass die "Curt-A.-Seydel-Schanze" vom Wintersportverein “Aschberg” gebaut worden ist und als erste Skisprunganlage der Region eine bis heute anhaltende Tradition begründete. Zur Schanze gehörte ein Holzturm mit einer integrierten eigenen Skihütte. Nachdem 1922 in Sachsenberg-Georgenthal der "Wintersportverein Aschberg" gegründet und der Inhaber der Mundharmonikafirma Curt A. Seydel zum Vereinsvorsitzenden gewählt worden war, konnte schon gegen Ende des Inflationsjahres 1923 trotz aller finanzieller Schwierigkeiten die neue Sprungschanze mitten im Wald an der Landesgrenze auf den Namen dieses umtriebigen, immer aktiven und sportbegeisterten Vereinsvorsitzenden getauft werden. Die "C.A. Seydel Söhne GmbH" mit Sitz in Klingenthal ist heute übrigens neben Hohner der letzte große Mundharmonikahersteller in Deutschland.
Am 5.Januar des Jahres 1924 erfolgte der Weihesprung, der von dem damals namhaften Schwaderbacher Skispringer Sepp Scherbaum vor mehr als tausend Zuschauern vollzogen wurde. In den Folgejahren entwickelte sich die Schanze zu einer der bedeutendsten Sprungschanzen Deutschlands und war die größte derartige Sportstätte in Sachsen.
Ein Höhepunkt des Vereins waren die Deutschen Ski-Meisterschaften 1929. Und im Jahr 1933 sprang jener legendäre Norweger Birger Ruud mit 52,5 Metern Schanzenrekord.
Mein damals 5jähriger Protagonist wusste in dem Moment, was er einmal werden wollte, selbstverständlich Skispringer. Begeistert verfolgte er mit seinem Vater jenen Wettkampf, der ihn für sein langes Leben prägen sollte. Später durfte er tatsächlich auf dieser Schanze springen, das war in den letzten Tagen ihrer Existenz, kurz vor Kriegsende, als er schon Gebirgsjäger werden wollte.
Nach dem Krieg verfiel die von nun an im Sperrgebiet zur tschechischen Grenze liegende Anlage.
Es bedarf schon einiger Ortskenntnis, den Platz dieser einst so bedeutenden Wintersportstätte noch ausfindig zu machen und man mag sich kaum vorstellen, was in dieser ruhigen Hinterwäldlerlage für Menschenmassen auf den Beinen waren. Einst sollen sich bis zu 70 000 Besucher hier gedrängt haben.
Von Mühlleiten oder dem deutlich tiefer gelegenen Parkplatz in Steindöbra (über Steindöbraer oder Hirschleck-Weg, Seifenweg, Hirschbergweg) lässt sich der ehemalige Schanzenstandort oberhalb des Heroldsbaches heutzutage günstig erreichen. Der genaue Tourverlauf kann auf dem online-Portal Outdooractive.com abgerufen und kostenfrei ausgedruckt werden.
Nach wenigen Kilometern ist die Stelle erreicht, wo einst vom Schwung der Springer förmlich die Luft brannte.
Heute erinnert immerhin ein Schild am Nordosthang des Aschbergs an das Bauwerk:
Im Klingenthaler Musik- und Wintersportmuseum in der Schlossstraße ist neben maßstabgerechten Modellen der neuen Vogtland-Arena, der Großen Aschbergschanze und der Vogtlandschanze auch das Modell der C.-A.-Seydel-Schanze zu sehen.
Und so sieht der Fuß des Schanzenauslaufs heute aus:
Selbst wenn man genau hinschaut, ist da kaum noch etwas zu erkennen.
Außer der Quelle des Heroldsbachs, der sich von hier aus bis zur Großen Pyra bei Morgenröthe-Rautenkranz windet, springt hier seit fast 70 Jahren nichts und niemand mehr.
Haben Sie etwas Zeit mitgebracht?
Dann lassen Sie uns nach Schwaderbach laufen, dem heutigen Bublava. Zwischendurch führt uns die Tour über den Aschberggipfel, über den richtigen freilich. Nicht über den, den viele dafür halten.
Der Aufstieg zum Schwertweg und zur Obersachsenberger Straße ist zunächst etwas beschwerlich, aber wir sind dann auch schon fast oben auf immerhin 890 Metern über dem Meeresspiegel.
Wir können die Straße bis zur Jugendherberge auf dem Aschberg oder den etwas kürzeren Pfad entlang der neulich farblich wieder aufgefrischten Staatsgrenzsteine nehmen. Ein Zaun wie noch vor wenigen Jahren stört den Wanderer im einheitlichen EU-Land nun nicht mehr.
Der 1998/99 errichtete Aussichtsturm markiert bis weit ins Land sichtbar die Lage des Aschberggipfels, auf etwa 150 Meter genau. Der eigentliche höchste Punkt befindet sich jedoch auf böhmischer Seite und ist heutzutage über einen kleinen Pfad direkt vom Turm in östlicher Richtung zu erreichen.
Aschberggipfel
im Juli 2011 mit Triangulationssäule auf 936 Meter Höhe Der
32 Meter hohe Aussichtsturm direkt an der Grenze auf 917 Meter ü. d. M.
Die historische Gipfelsäule stammt von der Sächsischen Landestriangulation1893.
Aha, ein Vermesser auf Reisen! Was findet er?
Natürlich Triangulationssäulen, Grenzsteine, Fluchtstäbe...
Kein Witz, ein vergessener Fluchtstab steckte tatsächlich irgendwo im Wald. Ich habe ihn dort gelassen. Wenn Sie ihn irgendwann finden, wissen Sie wenigstens, dass Sie auf dem richtigen Weg sind.
Was aber ist eine Triangulationssäule?
In den Jahren 1862-1894 ist vom Dresdner Professor Christian August Nagel das genaueste Festpunktnetz in Europa geschaffen worden. Ziel war es, das Staatsgebiet wissenschaftlich-geodätisch exakt zu erfassen und mit der Festlegung bestimmter Festpunkte Ausgangspunkte für weitere Vermessungen, beispielsweise zur Herstellung topografischer Karten, bereitzustellen. Die Festpunkte der 1. Ordnung, also höchster Genauigkeit, sind jeweils etwa 50 bis 60 Kilometer voneinander entfernt. Zum Zeitpunkt der Vermessung waren von jeder Station mindestens drei weitere Stationen direkt beobachtbar. Insgesamt umfasste das Triangulations-, also Dreiecksnetz, 158 Stationen. Es war seinerzeit eines der engmaschigsten in Europa. Damit so ein Festpunkt auch seinem Namen gerecht wird, wurde er aufwändig vermarkt (sagt der Geodät). Vermarkt heißt in dem Fall, eine Steinsäule von mitunter beträchtlicher Größe wurde mit tiefer Gründung auf sicherem Untergrund so eingebracht, dass sie bis heute ohne schwerste Technik nicht zum Wackeln gebracht werden könnte.
Für die ersten Vermessungsarbeiten und auch die Wiederholungsmessungen Mitte des 20. Jahrhunderts (eingemeißelt ist auf dem Aschberg das Jahr 1934) wurde über der historischen
Säule ein Gerüst errichtet, um die Sichtverbindung zu den benachbarten
Festpunkten herzustellen. Dieses ist aus Sicherheitsgründen nach Abschluss
der Arbeiten wieder entfernt worden, sonst hätten wir heute zwei nebeneinanderliegende Dominanten auf dem Gipfel, denn auch die sogenannten Signaltürme der Landesvermessung waren immerhin zwischen 20 und 50 Meter hoch.
Gemessen wurden auf jeder Station die Winkel zu den benachbarten Punkten, hier auf dem Aschberg bestand u. a. Sicht zum Kapellenberg bei Bad Brambach, zum Ochsenkopf im Fichtelgebirge, zum Kuhberg bei Reichenbach und zum Fichtelberg. Das Gerät zur Winkelbestimmung wird bis heute Theodolit genannt.
Und die ausreichende Sicht war nun mal die Vorraussetzung für ein gutes Ergebnis, wie so oft im Leben...
Wer jetzt noch nicht genug hat, dem sei zur Abrundung der Wanderung nun der versprochene Abstecher ins böhmische Schwaderbach (Bublava) empfohlen. Entweder einem kleinen Pfad auf böhmischer Seite bleibend vom Gipfel direkt ins Tal folgend (gelb markiert und ca. 5 km lang) oder auf dem deutschen Grenzweg bis zur Grenzstraße steil bergab laufend, ist nach einer Stunde der Ortsmittelpunkt erreicht.
Im Sommer ist nicht viel los.
Wie auch bei gerade mal 350 Einwohnern?
Zehnmal soviel sollen es gewesen sein, bevor das Unheil des Zweiten Weltkrieges auch diese Region erreichte. Und vor allem ihre Bewohner, deren Vorfahren schon manchen Herrschaftswechsel erlebt hatten, vor der böhmisch-sächsischen Grenzfestlegung bereits im 12. Jahrhundert und danach, mit Tod und Teufel und zu Zeiten von Reformation und Gegenreformation auch schon gepaart mit Umsiedlungen. Eine flächendeckende Verfrachtung bei Nacht und Nebel als Strafmaßnahme gegen alle Einwohner war dennoch einzigartig und wird in dieser Form so hoffentlich nie wiederholbar sein.
Übrig geblieben ist eine meist verwaiste Gegend, die sich von diesen Ereignissen, auch nach den Abbruchmaßnahmen der 1950er Jahre bis heute nicht erholt hat. Tatsächlich ist das Bild Schwaderbachs heutzutage nur noch bestimmt durch zahlreiche Wochenendhäuser, einige Gaststätten und vor allem - im Moment zumindest - bezahlbaren Wintersport. Insgesamt 5 moderne und leistungsfähige Schlepplifte an den Nord- und Osthängen des schneesicheren Bleibergs bringen inzwischen die Wintersportbegeisterten zu den breiten Skipisten aller Schwierigkeitsstufen. Ein sogenannter Funpark mit zahlreichen Hindernissen und Sprungschanzen erfreut auch alle "Freestyler". Und auch die Kleinsten werden auf dem Ski-Spielplatz spielerisch an den Wintersport herangeführt.
Der Bleiberg verdankt seinen Namen - wie soll es anders sein - dem hier einstmals geförderten Blei.
Für Wanderer und Wintersportler interessant ist der Berg erst seit Ende 1933, als die ursprünglich aus der Arbeiterbewegung des 19. Jahrhunderts hervorgegangene internationale Organisation der "Naturfreunde" die Bleibergwarte eröffnete. Dies gilt hier als Beginn des Bleiberg-Tourismus. Und auch sonst wird die Warte in Grenznähe nützlich gewesen sein, denn in Deutschland wurde die Naturfreunde-Bewegung nach Machtantritt der Nationalsozialisten verboten und verfolgt.
Die Initiatoren des seinerzeitigen Baus werden seit 2008 mit einer Gedenktafel geehrt:
Auf dem 802 Meter hohen Gipfel erwartet den hungrigen und durstigen Wanderer seit 1996 bereits wieder neben einem Aussichtsturm auch ein durchaus empfehlenswertes Gasthaus, in dem man nicht nur frischgezapftes Pils genießen kann, sondern auch echte böhmische Küche, von der Suppe angefangen über die Knödel mit Schweinebraten bis hin zum Dessert und türkischen Kaffee.
Wohl bekomm´s!
Zum Abschluss unseres "kleinen Rundgangs" am Parkplatz in Steindöbra werden wir überrascht feststellen, dass wir doch immerhin 15 km zurückgelegt haben.
Wie sagte mein Ex-Schwaderbacher Protagonist in einem zugegeben etwas anderen Zusammenhang?
Wir waren doch eigentlich gut, ...wir haben etwas aus der verkorksten Situation gemacht.
Rechts und links, oberhalb und unterhalb der Grenze sind wir endlich im Begriff, eine neue Atmosphäre zu schaffen. Nicht alle sehen das Zusammenleben von Deutschen und Tschechen unkritisch. Doch an die Stelle der hier im Grenzgebiet eher wenig erlebbaren Völkerfreundschaft aus DDR-Zeiten ist inzwischen vielfach eine respektvolle und wirtschaftlich längst notwendige Zusammenarbeit getreten. Gemeinsame Arbeit, wie sie von Touristenvereinen praktiziert wird, lässt vermutlich auch zunehmend die jahrhundertealten vermeintlichen Gegensätze, ohnehin ja meist nur aus machtpolitischen Gründen geschürt, kleiner werden. Gemeinsame Beschilderungen von Sehenswürdigkeiten in tschechischer und deutscher Sprache - und zwar auf beiden Seiten der Grenze - sind hoffnungsvolle Anzeichen,
etwas aus der verkorksten Situation zu machen.
Text und Fotos: aM 10/2011