Wandern im Naturpark Erzgebirge/Vogtland

Wilzschhaus gehört zur Gemeinde Schönheide und existiert eigentlich erst seit knapp 150 Jahren. Der winzige Ort wird von der Zwickauer Mulde in einen östlichen und einen westlichen Teil getrennt. Von Rautenkranz kommend, windet sich der Fluss einer Schlange gleich durch die romantische Talsenke zwischen dem bewaldeten Häckerhannesberg und der „Mehltheuer“ und nimmt in Wilzschhaus die Gewässer der Wilzsch und des Silberbachs auf.

 

Wilzscheinmündung in die Zwickauer Mulde                   Lückenlose Namenstafel für die Forstrevierverwalter

 

Der Landstrich gehörte in grauer Vorzeit zum Urwald Miriquido (die Bezeichnung ist in Urkunden von 974 und 1004 bei Erwähnung eines Kriegszuges Kaiser Heinrich des II. gegen den König von Böhmen enthalten) und war lediglich unbesiedeltes Jagdgebiet. Zunächst soll das von der Mulde her östlich gelegene Gelände (Carlsfeld, Eibenstock) im 10. Jahrhundert von der Schlossherrschaft zu Czurnitz (Schwarzenberg) besetzt worden sein. Später gelangten die Deutschen nach Unterwerfung der Sorben auch in den Besitz des Landstrichs westlich der Mulde, so dass während des 11. und 12. Jahrhunderts im nahen Vogtland die Germanisierung durch starke Einwanderungen aus Bayern, Thüringen und Niederdeutschland vor sich ging. Die hiesige Gegend blieb zunächst nahezu undurchdringlicher Wald und ausschließlich Jagdzwecken vorbehalten.

Für den gesamten Gebirgszug war ursprünglich der Name „Böhmische Wälder“ gang und gäbe. „Die Erzgebirge“ nannte man früher nur die Gegenden, in denen tatsächlich Erzbergbau betrieben wurde. Solche Gebiete bestanden bereits in großer Zahl und Ausdehnung, vor allem in den östlichen und mittleren Bezirken des Gebirges, als sich zu Beginn des 16. Jahrhunderts auch im westlichsten Teil, also in unmittelbarer Nähe auf der „Schönen Heide“ die Holzbestände lichteten. Der waldreiche Jagdbezirk gehörte in dieser Zeit zum Grundeigentum der Edlen von der Planitz, einem der ältesten meißnischen Adelsgeschlechter mit dem Stammsitz Planitz bei Zwickau.

Um 1530 begannen mit Erlaubnis der Edlen von der Planitz deutsche Einwanderer, sich auf der „Schönen Heide“ anzusiedeln. Neben Landwirtschaft und Viehzucht zog diese Menschen auch die Aussicht zu erfolgreichem Bergbau dahin. Nachweislich 1537 wurde das erste Haus dort errichtet, dem sich schnell andere anschlossen. Am 20. März 1549 wurde die Gründung der Gemeinde Schönheide vollzogen und bereits 1566 das erste Hammerwerk an der Mulde errichtet. Die Geschichte Schönheides ist also seit dem 16. Jahrhundert auch die Geschichte des "Schönheider Hammers", auch wenn die Landgemeinde Schönheiderhammer erst 1839 gegründet wurde.
 

Bereits 1563 kaufte der damalige Kurfürst von Sachsen einige Planitz´sche Güter auf, darunter auch Schönheide samt Wäldern, Jagdrechten, Bergwerken, Lehnspflichten usw.

Damit wurde Schönheide dem Amt Schwarzenberg einverleibt.

Die landesherrlichen Waldungen (und Jagden) gingen 1831 an den Staat über, wurden also Staatsforste.

 

Der Ortsteil Wilzschhaus inmitten dieser Staatsforste im äußersten Süden des heutigen Schönheider Gemeindegebietes war nie selbständige Gemeinde, sondern gehörte zunächst zu Schönheiderhammer.


Vor der Besiedlung wurde auch die Wilzschhäuser Gegend Wilzschheide genannt.
Dem Wort Heide liegt der Begriff der weiten Landstrecke, besonders des mit Nadelwald bewachsenen Heidebodens zugrunde. „Heide heißt eigentlich ein großer, wilder, mit Tangel- oder schwarzem Holze bewachsener Wald… waldiges Land zur Wildbahn und zum Holzfällen.“

(Vgl. Das Wörterbuch der Gebr. Grimm)

Die Wilzschhaus teilende Zwickauer Mulde hatte von jeher Bedeutung als Flößgewässer. Weit vor dem Bau der Eisenbahn ist in Wilzschhaus deshalb bereits Ansiedlung nachgewiesen. Ein Spezialaufseher der Flößerei wohnte hier, denn jahrhundertelang waren die Hammerwerke (Schönheider Hammer, Neidhardtstal, Blauenthal) auf das in der Wilzschheider Flur geschlagene Brennholz angewiesen. Zum bequemen Vertrieb des Holzes dienten Flöße auf der Mulde und der Wilzsch.

 

Die den Ort teilende Zwickauer Mulde                             Wassergraben zur ehem. Friedrichschen Fabrik

 

Die Wilzschheider Flur ging erst mit der Eröffnung der Bahnlinie Aue - Adorf am 1. Oktober 1875 und der damit verbundenen Errichtung verschiedener Gebäude in der Carlsfelder Flur auf. Der entstandene Bahnhof wurde folgerichtig nach der damals üblichen Bezeichnung für diesen Flecken, nach dem einen einzigen Wilzsch-Haus (jenes des Aufsehers) als "Wilzschhaus" bezeichnet.

Die vorbereitenden Arbeiten für den Bahnbau hatten bereits 1871 begonnen, ab 1873 wurden sämtliche Brücken und Tunnel von Aue bis Tannenbergsthal gebaut. Alle dazugehörigen Gebäude entstanden. Aus heutiger Sicht gleicht es einem Wunder, dass alles innerhalb zweier Jahre fertiggestellt werden konnte.

Den ersten Konzessionsschein für den Ausschank von Branntwein im "Wartezimmer der Haltestelle Wilzschhaus" erhielt 1877 der Steinbruchbesitzer Fickert aus Schönheiderhammer.

Bereits ein Jahr zuvor waren hier unmittelbar am Bahnhof Wilzschhaus Gebäude für "Friedrichs Holzschleiferei" errichtet worden. Und bevor 1885 die Neubauten der Holzstoff- und Holzpappenfabrik entstanden, ließ sich deren Besitzer, der Carlsfelder Louis Friedrich, auch ein eigenes Wohnhaus bauen. 

 

 Aufnahme vor 1908

 

Seit 1890 wurde die Bahnhofswirtschaft von Gottlob Schädlich geführt.

Am 16. Dezember 1893 erfolgte die Eröffnung der Schmalspurbahnstrecke von Saupersdorf über Schönheide nach Wilzschhaus und am 22. Juni 1897 zwischen Wilzschhaus und Carlsfeld. Der Bahnhof, der zu diesem Zweck komplett umgebaut wurde und die noch heute zu bewundernden "Beamtenwohnhäuser" (kleine Doppelhäuschen) erhielt, hatte damit seine volle Funktion als Verkehrsknoten zwischen Normal- und Schmalspurbahn erreicht.

Ab 1899 war über viele Jahre Max Spindler Inhaber des Bahnhofsrestaurants. Neben ausreichend Speis und Trank hielt er im Bahnhofsgebäude damals schon Ferienwohnungen für Sommerfrischler und Wintersportler vor. Offensichtlich im Eigenverlag ließ er Postkarten mit Bahnhofsmotiven herstellen, die bei seinen Feriengästen guten Absatz fanden. Nach ihm ist ein Weg benannt, der oberhalb des Bahnhofs in östlicher Richtung durch den Wald verläuft.

Im August 1908 traten im Westerzgebirge ergiebige Niederschläge auf. In Carlsfeld zerstörte ein Hochwasser der Wilzsch mehrere am Bach gelegene Häuser. Auch im Tal hinunter bis Wilzschhaus kam es zu schweren Verwüstungen, die die Schmalspurbahn mehrere Wochen außer Verkehr setzten.

Nach dem verheerenden Brand vom 04.09.1912 wurde das bis auf die Grundmauern vernichtete Gebäude der Friedrichschen Pappenfabrik in Wilzschhaus wieder aufgebaut.
Eine Erweiterung erfuhr der winzige Ort ab 1921 durch den Bau von Wohnhäusern für die Beschäftigten der Fabrik im östlich der Mulde und höher gelegenen, damals amtlich als "Siedlung L. Friedrich" bezeichneten, heute mehr oder weniger scherzhaft „Oberdorf“ genannten Teil.

Nach der Fertigstellung von zwei "Arbeiterwohnhäusern" (1922) wurden noch zwei "Beamtenwohnhäuser" errichtet. Hier konnte erstmals auch ein Laden für die Dinge des täglichen Bedarfs untergebracht werden, (der bis in die Neuzeit hinein existierte) und - ganz wichtig inzwischen - eine Schule, mit zunächst nur einem einzigen, später zwei Klassenzimmern. In Wilzschhaus wurden Mädchen und Jungen über viele Jahre hinweg jahrgangsübergreifend bis zur achten Klasse unterrichtet. In Ermangelung gemeindenutzbarer Räume gab es bis 1955 auch Trauungen und Taufen im Gebäude. Erst 1966 war Schluss mit Schule, nach über 40 Jahren ununterbrochenen Betriebs. Die Schule wurde aufgelöst, die wenigen verbliebenen Kinder konnten in Schönheide untergebracht und die Klassenzimmer zu Wohnungen umgebaut werden.

Heute sind alle 4 Wohnhäuser der Friedrichschen Siedlung mehrfach umgebaut und an moderne Anforderungen (Fenster, Heizung, WC) angepasst worden.

Auch die Friedrichschen Fabrikgebäude wurden unterdessen mehrfach ergänzt und schließlich in den 1990er Jahren gänzlich unter einer Dämmung/Verkleidung versteckt, die dem Gebäude in der Neuzeit den Namen "Blaues Haus" einbrachten. 

Aus der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg ist nicht mehr allzuviel bekannt. Ab 1935 plante der damalige "Verein für Leibesübungen Reichsbahn" aus dem vogtländischen Hammerbrücke, unterhalb des Bahnhofsgeländes und unmittelbar an der Mulde gelegen, offenbar zeitgemäß einen Kleinkaliber-Schießstand. Tatsächlich wurde die "Sportstätte" ab 1938 errichtet, die Inbetriebnahme erfolgte nach Kriegsausbruch im Herbst 1939. Nicht einmal Trümmer sind davon übrig geblieben, dafür ein Wäschetrockenplatz für die nach dem Krieg im Bahnhofsgebäude untergebrachten Familien. 

Die Ablösung des Schienen- durch den Straßenverkehr, wie wir ihn seit langem als praktisch vollzogen betrachten können, begann auch in Wilzschhaus nicht erst mit der Einstellung des Schmalspurbahnbetriebs, sondern bereits viel früher, in den 1930er Jahren. Untrügliches Anzeichen war das geschäftstüchtige Bemühen eines Wilzschhäusers um Genehmigung zur Errichtung einer Tankstelle im Ort. Die Genehmigung wurde 1936 tatsächlich erteilt, der Bau dann jedoch nicht vollzogen. Damals bestanden die nächsten Tankmöglichkeiten in Rautenkranz (3,5 km) und Carlsfeld (7,5 km). Schön wäre es, wenn es heutzutage wenigstens diese noch gäbe.

Der Zweite Weltkrieg ist an Wilzschhaus nicht ganz spurlos vorbeigegangen. Bei einem Luftangriff, der offenbar dem Bahnknoten galt, wurde der Ort verfehlt. Dafür verantwortlich war allerdings kein Wunder, sondern der glücklicherweise starke Westwind. Wenige hundert Meter östlich des Bahnhofs lassen sich die Bombentrichter noch heute im Wald entdecken (Spindlerweg).

Allerdings ist von den abrückenden deutschen Kampfverbänden im April 1945 noch ein Pfeiler des großen Muldentalviadukts gesprengt worden. Und die Sprengung der Straßenbrücke nach Carlsfeld war schon beschlossene Sache. Die Bohrlöcher waren vorbereitet, der "Gefechtsstand" in einem der Wohnhäuser östlich der Mulde bezogen, die Einwohner z. T. evakuiert. Sämtliches Glas, so ist es überliefert, ward aus den Vitrinen geräumt und alles wartete auf den großen Knall. Doch der Krieg in Wilzschaus ging sang- und klanglos zu Ende. Die anrückenden amerikanischen Truppen hatten in Rautenkranz ihren Vormarsch beendet. Wilzschhaus wurde wie der gesamte Schwarzenberger Landkreis nicht besetzt.

Zunächst jedenfalls. Wen an dieser Stelle das Warum interessiert, dem seien Stefan Heyms oder Volker Brauns Erfolgsbücher empfohlen: "Schwarzenberg" und "Das unbesetzte Gebiet".

 

noch heute intakt: Muldebrücke in Wilzschhaus

 

Immerhin schon 3 Monate nach Kriegsende wurde der Schmalspurbahnbetrieb behelfsmäßig wieder aufgenommen. In der Zwischenzeit führte am Eingang zum Silberbachtal eine flugs errichtete Holztreppe zum Bahndamm hinauf, so dass Reisende wenigstens von hier aus mit der Bahn nach Schönheide gelangen konnten. 
Im Jahr 1950 wurde der „Wilzschhaus“ genannte Bahnhof nach der 1948 erfolgten Eingemeindung von Schönheiderhammer nach Schönheide mehr oder weniger folgerichtig in „Schönheide Süd“ umbenannt.

- Fortsetzung/Ergänzung folgt -

 

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